Hansen, Dörte: Altes Land

altes-land-geschnittenVor kurzem habe ich hier auf dem Blog erst festgestellt, dass ich wirklich empfänglich für Hype-Bücher bin, sofern sie denn ungefähr meinen Genrevorlieben entsprechen. Grund genug also, sich mal einem Hype-Buch zu nähern, das eigentlich recht ungewöhnlich ist. Kein Jugendbuch, keine vertrackte Liebesgeschichte mit Happy End, sondern eine ernsthafte Gesellschaftsstudie, so kommt „Altes Land“ von Dörte Hansen in seiner Aufmachung daher. Gerade deshalb hat es mich schon länger angesprochen und nachdem ich nun monatelang in der Buchhandlung immer wieder darum herumgeschlichen bin, habe ich es mir vor kurzem endlich gekauft und konnte es, kaum dass ich zu Hause war, nicht abwarten, damit zu beginnen.
Nach ca. 20 Seiten kam das erste Stocken, das erste Beiseitelegen. Hm, irgendwie wurde ich mit der Sprache nicht so wirklich warm, ich kam schlecht in die Geschichte hinein und gelernt hatte ich bisher noch nicht so viel, dass ich es um der Geschichte willen zu Ende lesen wollte. Also erstmal Pause.

Was ich bin dahin wusste: Es geht um einen Hof im Alten Land (für alle, denen das nichts sagt: Das ist eine Region südlich von Hamburg, die vor allem für ihren Apfelanbau bekannt ist), der verschiedene Generationen von Frauen beherbergt hat. Und ich schreibe bewusst „beherbergt“, denn wie ein wirkliches Zuhause kam er mir nicht vor.
Die eine ist Vera, ein Flüchtlingskind aus Ostpreußen, das während der Flucht dort auf den Hof gekommen ist und schließlich von ihrer Mutter dort verlassen wurde. Sie lebt nach wie vor dort und scheint eine recht knurrige alte Frau geworden zu sein.
Die andere ist Anne, eine junge, total hippe Mutter aus Hamburg, die so unendlich gestresst ist von allen anderen jungen, total hippen Müttern aus Hamburg, die sie während ihrer Arbeit als Musiklehrerin so ertragen muss. Diese sucht mit ihrem Kind Zuflucht in dem alten Haus bei Vera im Alten Land.
Soweit okay und es klingt ja eigentlich auch ganz interessant. Aber irgendwie kam die Geschichte an diesem Punkt nicht voran. Vera steht dem Fortschritt der Zeit nicht nur skeptisch gegenüber, sie verleugnet ihn einfach. Und Anne versucht ihn mit aller Macht von sich fernzuhalten und ein kleines Idyll abseits des Leistungsdrucks zu finden. Also eigentlich wollen diese Frauen sich nicht entwickeln. Sie befinden sich einem kleinen Kokon ihres Daseins und alles, was in diese Komfortzone eindringt, wird vernichtet.
Gelegentlich bekommt man dabei Hinweise auf Veras Vergangenheit, auf traumatische und prägende Erlebnisse, die ihr nachts den Schlaf rauben, weshalb sie die Nächte in ihrer Küche verbringt. Auch Annes Leben vor dem Einsetzen der erzählten Geschichte wird schließlich noch aufgerollt.

Dann tauchen noch Nebenpersonen auf: Ein Nachbar; ein Bauer aus der Nähe; ein „Stadtflüchtling“, der irgendwelche absurden Projekte plant… Ebenso Existenzen, die sich eine Meinung und ein Lebensumfeld gebildet haben und davon keinen Zentimeter abweichen. Und das ist okay. Ich sehe natürlich ein, dass alle Menschen im Grunde so sind. Aber mir stellte sich so ein wenig die Frage, warum die Geschichte dieser Menschen erzählenswert ist.
Die Autorin gewährt uns einen schonungslosen und vor allem ungeschönten Blick in die Abgründe und – letztendlich – in die Lächerlichkeit dieser Figuren. Jede sieht sich selbst als Mittelpunkt der Welt, riskiert keinen Blick nach rechts und links und wenn einem doch mal solch ein Blick herausrutscht, dann ist der hämisch und voller Spott auf den Nachbarn gerichtet.
Das ist die Essenz dieser Figurenstudie, die sich für mich herauskristallisiert hat. Und das ist auch okay. Aber eben nur okay. Die herausragende Erkenntnis, irgendetwas, das mich tief berührt hat, das fehlte. Dieses eben Nicht-Beschreibbare, das so viel zitierte „gewisse Etwas“. Etwas, das mich den Figuren nahegebracht hätte. Etwas, das diese Figuren relevant gemacht hätte. Etwas, das mich dazu gebracht hätte, ihnen ein besseres Leben zu wünschen. Jeder ist ein Opfer der Umstände seines Lebens, des Nicht-Planbaren, aber diese Figuren ergeben sich so einfach, so leicht in ihr Schicksal. Das war mir letzten Endes irgendwie zu flach, um herausragend zu sein.

Ich kann für dieses Buch kaum eine Bewertung geben. Ich nehme an, dass das Fehlen jeglicher Emotionalität entweder etwas ist, was ich nur persönlich so wahrgenommen habe oder was nur mich persönlich so gestört hat. Allen anderen Menschen scheint herausragend zu gefallen, das Buch ist aus der Bestsellerliste scheinbar nicht mehr zu verdrängen und das seit so vielen Monaten! Von daher würde ich schon eine Leseempfehlung aussprechen wollen, da ich denke, dass jeder anders mit den Erkenntnissen, die das Buch einem geben kann, umgehen wird. Es ist auf jeden Fall kein Buch, das man einfach so weglegt. Es ist ein Buch, über das man mit jemandem diskutieren sollte. Und es ist ein Buch, das das letzte und aktuelle Buchjahr sehr geprägt hat und schon allein deshalb wohl lesenswert ist. Ich für meinen Teil werde mit einem zwiespältigen Gefühl darüber zurückbleiben, ob die Erkenntnisse, die ich aus der Lektüre gewonnen habe, ausreichen, um das Buch gut zu finden.

3 von 5

Titel: Altes Land
Autorin: Dörte Hansen
ISBN-13: 978-3813506471
Seitenzahl (gebundene Ausgabe): 288 Seiten
Verlag: Knaus
Erscheinungsdatum der Auflage: 16. Februar 2015

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2 Gedanken zu “Hansen, Dörte: Altes Land

  1. Ich fand das Buch grandios! Und es war das erste Buch in meinem Lesekreis, das alle einhellig mochten. Gerade die Sprache war faszinierend. Auf den ersten Blick emotionslos spielt sich ganz viel zwischen den Zeilen ab und hat mich tief berührt. Spannend auch, wie sich das Trauma des Krieges unausgesprochen über Generationen vererbt. Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt auf das nächste Buch von Dörte Hansen.

    • Hallo Tintenelfe, danke für deinen Kommentar! Ich denke, dass die meisten Leser das Buch so wahrgenommen haben wie du. Vielleicht habe ich mich auch zu sehr darum bemühen wollen, sodass es mir letzten Endes nicht gelungen ist. Gespannt auf das nächste Buch der Autorin bin ich aber allemal! Liebe Grüße, Julia

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