Röggla, Kathrin: Wir schlafen nicht

Kathrin Röggla - wir schlafen nichtWas bedeutet Arbeit für dich?

„Alles“, würden die Personen in Kathrin Rögglas Roman „wir schlafen nicht“, einer Studie über die Arbeitsmoral der frühen 2000er, wohl antworten. Absolute Kompromisslosigkeit zeichnet sie aus.

Ich habe den Roman im Rahmen eines Uni-Seminars zum Thema „Arbeit in der Literatur“ gelesen und war zunächst genervt, dann fasziniert, anschließend begeistert von Rögglas Roman. Wobei der Begriff „Roman“ eigentlich kaum passend ist. Vielmehr ist es eine Dialogsituation, Fetzen aus Gesprächen auf einer Messe, mit denen man hier konfrontiert wird. Es gibt keinen Erzähler, die Figuren erzählen aus ihrem Leben. Einem Leben, das man mit dem Arbeitsleben gleichsetzen kann. Sie befinden sich auf dieser Messe und sie leben auch irgendwie dort. Andererseits bekommt man den Eindruck, dass sie kaum irgendwo leben. Selbst den Bereich der Messe außerhalb ihrer Halle kennen sie nicht. Ein Privatleben wird kategorisch abgelehnt bzw. nur teilweise angerissen.

Vielmehr zeichnen die Figuren ein Bild von der Arbeitswelt, das absolut allumfassend ist, das den ganzen Menschen vereinnahmt. Konkurrenz belebt das Geschäft, die Praktikantin bedroht den Job der Vorgesetzten, Schlaf und körperliche Bedürfnisse im Allgemeinen werden so weit wie möglich aus dem Leben ausgeschlossen. Wer schläft, verliert wertvolle Zeit. Wer zusammenbricht, war der Mühe nicht wert.

Das, was dort beschrieben wird, ist kein Ehrgeiz oder Willen mehr, es ist die völlige Aufgabe des eigenen Selbst zugunsten einer Arbeit, die an sich kaum eine Rolle spielt. Fähigkeiten – egal. Qualifikationen – egal. Alles austauschbar. Auch der einzelne Mensch – völlig austauschbar. Der Punkt ist, möglichst lange über Wasser zu bleiben, den Zeitpunkt des Austauschs so lange wie möglich hinauszuzögern.

Im Privatleben, also dem Leben in einem Hotel, muss der Adrenalinspiegel möglichst gehalten werden. Ruhe bedeutet Stillstand bedeutet Zusammenbruch bedeutet Bedeutungslosigkeit.

Der Ausdruck „Kathrin Röggla zeichnet ein Bild der absoluten Hoffnungslosigkeit“ wäre an dieser Stelle falsch. Denn die Figuren zeichnen es selbst. Die absolute Hoffnungslosigkeit in einer Arbeitswelt, in der es um höher, schneller, weiter geht und nicht mehr geschlafen wird.

Ein beeindruckendes Buch, das mit stilistischen Besonderheiten aufwartet durch die Dialog- (bzw. eher Monolog-) Struktur, denn ein Dialog setzt Empathie voraus und die ist nicht vorhanden, und die durchgängige Kleinschreibung.

Mal etwas ganz anderes. Aber etwas, was lange lange nachhallt.

5 von 5

Titel: wir schlafen nicht
Autorin: Kathrin Röggla
ISBN: 978-3596168866
Seitenzahl (Taschenbuch): 224 Seiten
Verlag: Fischer Verlag
Erscheinungsdatum der Auflage: 1. Februar 2006

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