Sieper, Martin: Zurückgespult

martinMartin Sieper ist Poetry Slammer und Lesebühnen- Autor, früher Marburger Student, heute bayrischer BWLer. In seinem ersten Buch spult er sein Leben zurück und schaut sich gemeinsam mit dem Leser das Geschehene nochmal an, seine Kindheit in einem kleinen Dorf in NRW, seine Studentenzeit in einer echt coolen WG und vor allem die Erlebnisse mit seiner Familie – kurzum: Der Leser lernt den Alltag eines dicken Kindes kennen.

Dafür hat Martin Sieper seine Bühnentexte, die ihm schon viele Vize- Meistertitel eingebracht haben, wie es in der Autorenbeschreibung steht, gesammelt und in eine logische Reihenfolge gebracht, sodass man wirklich das Gefühl hat, man wäre von Anfang an dabei gewesen.

Das Tolle dabei ist, dass Sieper eindeutig zu der Sorte Poetry Slammer gehört, deren Texte auch gelesen wunderbar funktionieren. Natürlich gehört bei der Performance der Texte sein verschmitztes Lächeln irgendwie dazu, aber der Witz der Texte kann auch in Buchform absolut verstanden werden und verliert nichts von seinem Charme.

In der „Playlist“ des Buches finden sich insgesamt 29 Titel, manche länger, manche kürzer, manche wahrscheinlich wahrer, manche (hoffentlich) ausgedachter. Aber alle haben eines gemeinsam: Eine wunderbare Selbstironie und die Fähigkeit, durch kleine Kommentare in Nebensätzen, die Pointe zu verdoppeln.

Dass Omma und Oppa, die noch in der Vergangenheit bzw. im Krieg leben, absolut kuriose, aber trotzdem liebenswerte Gestalten sind, spielt ihm dabei natürlich ebenso in die Karten wie sein Mitbewohner Boris, der gerne die Welt verändern würde, aber dann doch immer noch einen Geldschein auf dem Küchenschrank findet, mit dem er sich eine Pizza kaufen kann. Martin Sieper findet einfach immer die passende Pointe zu jeder Situation und überrascht seine Leser damit in jeder Geschichte wieder.

Die „Biografie eines dicken Kindes in 7 Akten“ bildet dabei ebenso ein Highlight wie mein absoluter Lieblingstext „Am Heiligen Abend“, bei dem ich mich jedes Mal wieder schlapplachen kann, weil Oppa einfach grandios ist, ebenso wie in „Der Spieleabend“, wo aber eher seine Schwester das Highlight ist.

Fakt ist: Wenn man in so einer Familie groß geworden ist, fragt man sich als Außenstehender eigentlich nicht mehr, warum der Typ sich auf die Bühne stellt und lustige Geschichten vorliest, auch wenn seine alten Klassenkameraden das beim Abi- Treffen so gar nicht verstehen können.

Ein tolles Buch, das man mal getrost auf die Liste mit den potentiellen Weihnachtsgeschenken für humorvolle Leute setzen kann, das einem eine kurzweilige Lesezeit beschert und dafür sorgt, dass man die eigene Familie nach der Lektüre als definitiv in Ordnung, wenn auch etwas langweilig, bezeichnen kann.

Ein Fräulein Abzug gibt es dafür, dass das Ganze kein Roman geworden ist, sondern „nur“ eine Sammlung von Texten. Ein Roman wäre sooo schön gewesen! Und gut! Da bin ich mir sicher.

4 von 5

Titel: Zurückgespult – Analoggeschichten in Stereo
Autor: Martin Sieper
ISBN-13: 978-3941552265
Seitenzahl (Taschenbuch): 152 Seiten
Verlag: Blaulicht Verlag
Erscheinungsdatum der Auflage: 22. April 2014

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s