Tatort: Im Schmerz geboren (Wiesbaden)

Tatort-Wiesbaden

Zu Beginn ist man etwas verwirrt: Ein Schauspieler, vielleicht Teil der nachfolgenden Geschichte, dreht sich zur Kamera, geht auf eine Bühne, spricht dabei mit den Zuschauern. Philosophisch, poetisch, vielleicht Shakespeare.  Schließlich geht er von der Bühne ab, der Titel des heutigen „Tatort“- Falls erscheint: Im Schmerz geboren.

Dann Szenenwechsel, drei junge Männer, alle bewaffnet, warten an einem kleinen Bahnhof auf jemanden. Dieser Jemand steigt aus, lässt seinen Koffer fallen, auf einmal werden alle drei erschossen. Später stellt sich heraus: Der Mann hat nicht selbst geschossen. Aber der Mann ist für Kommissar Felix Murot kein Unbekannter: Es ist sein alter Freund aus Jugendtagen, Alexander Harloff. Er flog damals von der Polizeischule, setzte sich mit der gemeinsamen Freundin (ja, Murot war auch mal jung und wild!) der beiden nach Bolivien ab und war dort in Drogengeschäfte verwickelt. Mit dabei hat er seinen Sohn, einen Profikiller.

Schnell wird dem Zuschauer klar: Hier handelt es sich nicht um gewöhnliche Sonntagabendunterhaltung. Wir haben es hier mit einer Mischung aus Thriller, Drama und … ja, was ist das… nennen wir es einfach Kunst, zu tun. Denn immer wieder werden Szenen als Gemälde festgehalten, eine Erzählerstimme aus dem Off kommentiert die Handlung oder der Erzähler durchbricht die Wand zum Zuschauer, dreht sich aktiv zur Kamera und philosophiert über das, was war und kommen kann.

Auf der Handlungsebene wird deutlich: Harloff ist komplett durchgeknallt. Er will sich, völlig verblendet von Rachegedanken, an Murot rächen. Denn sein Sohn ist gar nicht sein Sohn, sondern Murots. Und bei der Geburt starb die Mutter – seine Geliebte. Harloff zog also 30 Jahre lang dieses Kind groß, um es jetzt zum Teil seines perfiden Racheplans zu machen: Er will Murot demütigen, ihn zum Töten bringen und es anschließend sogar provozieren, dass er seinen eigenen Sohn umbringt. Denn alles in ihm ist aus dem Schmerz geboren, den er gefühlt hat, als seine Frau gestorben ist.

Die Handlung verläuft dabei Tatort untypisch sehr ruhig – beinahe distanziert. Es gibt kein blutiges Rumgeballer, obwohl beim „Showdown“ beinahe 40 Menschen auf einen Schlag sterben. Überhaupt hat man das Gefühl, man wäre weit weg, säße eben wirklich zu Hause auf dem Sofa und hielte das eigene Glas Rotwein in der Hand. Kurioserweise ist das ja genau das, was die anderen Tatorte immer verhindern wollen. Sie wollen einen möglichst mitten ins Geschehen katapultieren, einem soll ob der Spannung Hören und Sehen vergehen.

Aber in diesem Fall betrachtet man das Geschehen beinahe so distanziert wie Harloff, der sich alles bequem auf Monitoren anschaut und sich ab und zu ein nettes Opfer sucht, mit dem er zunächst noch ein bisschen plaudert, bevor er es umbringt.

Doch am Ende geht der perfekte Plan schief – oder vielleicht auch nicht, denn es könnte natürlich auch sein, dass Harloff am Ende doch alles genau so geplant hatte, wie es abgelaufen ist. Der Sohn erwürgt ihn und lässt sich anschließend von Murots Kollegen erschießen.

Man kann den eigenen Eindruck zu diesem Tatort nur schwer in Worte fassen. Er lässt einen in einer seltsamen Stimmung zurück. Auf der einen Seite ist man geflasht von der Machart des Films und von den unglaublichen schauspielerischen Leistungen. Ulrich Tukur und Ulrich Matthes sind ja ohnehin großartige Schauspieler, aber ich finde, sie haben sich beide übertroffen. Aber besonders herausragend war für mich auch die Leistung von Golo Euler, der Harloffs bzw. Murots Sohn spielt. Auf der anderen Seite weiß man auch nicht so wirklich, was da gerade alles passiert ist und man hat fast das Gefühl, man müsste den Fall ein zweites Mal ansehen, damit man alles mitbekommt. Am Ende bleiben die eindringlichen Worte des Erzählers, die man einfach am Ende eines solchen Films selbst hören muss, um sie zu verstehen. Ein großer Film und große Kunst – kein klassischer Tatort, sondern eine Abwechslung, die im Gedächtnis bleibt und die Messlatte für weitere Wiesbadener Tatorte ins Unermessliche steigert. Murot ist soeben in den Tatort- Olymp aufgestiegen.

Titel: Im Schmerz geboren
Ort: Wiesbaden
Tatort Nr.: 920
Erstausstrahlung: 12.10.2014
Ermittler: Murot
Hauptdarsteller: Ulrich TukurUlrich Matthes

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2 Gedanken zu “Tatort: Im Schmerz geboren (Wiesbaden)

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