Mann, Thomas: Buddenbrooks

3-596-29431-2Klassikerzeit bei Fräulein Bücherwald! Ich habe die „Buddenbrooks“ (erstmals erschienen 1901) schon vor einigen Jahren das erste Mal gelesen, irgendwann auch noch ein zweites Mal und letzte Woche habe ich sie das dritte Mal gelesen. Und ich entdecke jedes Mal wieder mehr, entdecke Neues und lasse mich von dieser Geschichte faszinieren.

Der Untertitel „Verfall einer Familie“ sagt eigentlich schon viel über den Verlauf der Handlung aus. Zu Beginn ist die Familie Buddenbrook eine der angesehensten Lübecker Kaufmannsfamilien. Man bewundert und verehrt sie und sie verkehren nur in den besten Kreisen. Doch dabei sind sie alle so menschlich und herzlich geblieben. Als die Handlung einsetzt, sind die drei Kinder von Konsul Johann Buddenbrook und seiner Frau gerade erwachsen geworden und ein Generationswechsel steht damit bevor.

Der Verfall beginnt schleichend und zunächst von allen unbemerkt: Antonie Buddenbrooks erster Mann entpuppt sich als Betrüger, verschleudert ihre Mitgift und malt den ersten Schandfleck auf die Weste der Familie. Später lässt sich Antonie auch noch von ihrem zweiten Mann scheiden und wird so endgültig zur gescheiterten Frau (zumindest in den Augen der Zeitgenossen in der Mitte des 19. Jahrhunderts). 

Aber auch in der männlichen Linie der Familie zeichnen sich Probleme ab. Thomas Buddenbrook, Antonies Bruder, übernimmt zwar pflichtbewusst das Geschäft des Vaters, aber sein jüngerer Bruder Christian bringt die Familie durch seinen ausufernden Lebensstil und seine freigeistige Lebenshaltung weiter in Verruf und kann zusätzlich der Firma nicht nützen.

Am Ende ruhen alle Hoffnungen auf Thomas Sohn Johann (Hanno), von dem man schon weiß, dass er den Verfall der Familie unabsichtlich perfekt machen wird, weil er nicht den Ansprüchen des gestandenen Kaufmannes genügt und sich zeigt, dass das klassische Bild der Kaufmannsfamilie überlebt ist und in dieser Form keinen Bestand mehr haben kann. Hanno selbst erkennt bereits als Kind, dass nach ihm nichts mehr kommen wird.

Bei Buddenbrooks tauchen neben den engsten Familienmitgliedern außerdem noch viele illustre Gestalten auf: Verwandte aus weiteren Verwandtschaftsverhältnissen, Lehrer der Kinder, angeheiratete Verwandte, Freunde und Bekannte. Sie alle sorgen dafür, dass sich die Welt der Buddenbrooks, die man sich ebenso tragisch wie faszinierend vorstellt, vor einem aufspannt und einen in ihren Bann zieht.

Die Sprache empfinden wir heute zwar vielleicht nicht mehr als zeitgemäß, aber sie ist doch recht verständlich und wenn man sich erstmal etwas eingelesen hat, hat man auch mit längeren Schachtelsätzen keine Probleme mehr. Vielmehr möchte man zusammen mit der Konsulin „gnädig den Kopf neigen“ und sich vornehm verhalten, wenn man ein wenig in dem Roman gelesen hat.

Was Thomas Mann wirklich perfektioniert hat, ist die Einbindung von Beschreibungen in die Handlung. Das, was man vielleicht auch als „langatmig“ bezeichnen kann, sind die genauen Beschreibungen der Verhaltensweisen von Personen. Dadurch schafft er aber etwas wirklich Besonderes: In diesem hoch komplexen Gefüge aus Interessen, Zwängen und Neigungen lässt er keine Figur einfach als tragischen Helden oder gar als Gegenspieler stehen. Vielmehr gibt er jeder Figur den Raum, um sich zu rechtfertigen, um die Verhaltensweisen zu erklären.

Es wäre einfach gewesen, am Ende des Romans die konkurrierende Familie der Hagenströms als schillernde „Gewinner“ dastehen zu lassen und die Buddenbrooks als geschlagener Haufen einiger weniger. Aber das macht Mann nicht. Vielmehr zeigt er sehr deutlich, dass die Familie nicht überleben konnte. Und dass dieser Umstand nichts mit den Hagenströms oder dem Senat oder der Wirtschaft zu tun hat. Eine Aneinanderreihung unglücklicher Umstände und Personen, gepaart mit einem grundsätzlichen Mentalitätswechsel der Zeit hat zum Verfall der Familie Buddenbrook geführt.

Dass Thomas Mann in diesem Roman seine eigene Familie beschreibt, macht das Ganze nur umso reizvoller, denn er spart nicht damit, den Finger genau in die Wunde zu legen.

Ein großes Buch der Weltliteratur, das jeder literaturbegeisterte Mensch einmal gelesen haben sollte, egal, ob es ihm gefällt oder nicht. Ein Buch, das viel über die Zeit aussagt, in der es spielt und ein Buch, das trotzdem heute noch aktuell ist und Probleme aufzeigt, die heute noch in jeder guten Familie vorkommen und erst recht in jedem Familienunternehmen der Welt. 

5 von 5

Titel: Buddenbrooks
Autor: Thomas Mann

ISBN-13: 978-3596294312
Seitenzahl (Taschenbuch): 768 Seiten
Verlag: Fischer
Erscheinungsjahr der Auflage: 2008

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2 Gedanken zu “Mann, Thomas: Buddenbrooks

  1. Respekt, dass du die Buddenbrooks schon dreimal gelesen hast! Ich hab es vor einem Jahr gelesen, und einmal hat mir gereicht 😀 (Soll nicht heißen, dass ich es schlecht fand, aber für mich ist es kein Buch, dass ich immer und immer wieder lesen würde).

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