Lenz, Siegfried: Deutschstunde

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Dieses Buch gehört zweifelsohne zu den ganz großen Büchern unserer Zeit. Und Siegfried Lenz zu den ganz großen Autoren unserer Zeit.

Lenz erzählt in „Deutschstunde“ die Geschichte des Jungen Siggi Jepsen und bedient sich dabei einer Binnen- und einer Rahmenhandlung.

In der Rahmenhandlung sitzt 21-jährige Siggi in einer Strafanstalt für Jugendliche und soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht schreiben“. In der Deutschstunde schafft er diese Aufgabe allerdings nicht, weil ihm so viel einfällt, dass er nicht weiß, worüber er schreiben und wo er damit anfangen soll.

Zur Strafe wird Siggi Jepsen in eine Art Gefängniszelle gesperrt, um seinen Aufsatz zu schreiben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt Siggi dann wie ein Besessener die Geschichte seiner Familie aufzuschreiben.

Diese beginnt zum Anfang des 2. Weltkriegs. Sein Vater Jens Ole Jepsen ist der Polizeiposten der Außenstelle Rugbüll, einem kleinen Örtchen irgendwo an der Ostsee. Er soll im Zuge der Entartung von Kunst die künstlerischen Tätigkeiten des im Ort ansässigen Malers Max Ludwig Nansen überwachen. Der Vater steigert sich dabei zu einer geradezu fanatischen Pflichterfüllung, und das, obwohl Nansen und er seit frühester Kindheit eng verbunden waren.

Gleichzeitig schickt er seinen Sohn Siggi, für den Nansen so etwas wie ein zweiter Vater ist, zum Spionieren zu dem Maler. Siggi zerreißt es förmlich unter dem Druck, auf der einen Seite dem Freund treu zu bleiben und auf der anderen Seite dem Vater zu helfen.

Dabei entwickelt er geradezu eine Paranoia vor seinem Vater und sieht vor seinem geistigen Auge immer wieder Bilder brennen. Dadurch steigert er sich in den Wahn, dass er alle Bücher Nansens retten muss, um am Ende dann selber in einer Strafanstalt zu enden, die dann die Binnen- und Rahmenhandlung (die durchaus auch eine wichtige Rolle spielt, weil sie viel über Siggis Charakter offenbart) vereint.

Diese Darstellung des Inhalts ist allerdings geradezu respektlos verkürzt, da es bei Lenz kaum einen Satz gibt, der nicht eine ganz eigene Geschichte erzählt. Die Familienverhältnisse und –tragödien in der Familie Jepsen werden sehr genau beleuchtet, diese absolut grauenhafte Mutter, der verstoßenen Bruder, alle werden genauestens analysiert. Auch die Dorfbewohner bekommen ihre Plattform, Lenz zeichnet ein sehr genaues Bild einer ganzen Dorfgesellschaft, die alle in ihrem reinen „Pflichtgefühl“ gebunden und verloren sind.

Alle Personen in diesem Buch verlieren oder verleugnen ihre Identität aus einem „Pflichtgefühl“ heraus, das „Pflichtgefühl“ zerstört Familien und Freundschaften.

Und diesen Erkenntnisweg, den begeht der junge Siggi Jepsen, dessen Kindheit von nichts so sehr geprägt war wie von der Pflicht, in seiner ganz eigenen Deutschstunde. Allerdings wird diese Deutschstunde in der Rahmenhandlung zu ganzen Deutsch- Monaten.

Natürlich lässt der Titel aber auch noch andere Rückschlüsse zu: eine Unterrichtsstunde, in der vom Deutsch sein erzählt wird, beispielsweise.

In dem 1968 erstmals erschienenen Roman spielt mutmaßlich viel Bitterkeit über die jüngste Vergangenheit hinein, aber Lenz schafft es, diese komplett auszublenden und in ganz feiner, behutsamer Art und Weise über grausamste Verhältnisse zu berichten. Besonders die Sprache, für die Lenz vielfach ausgezeichnet wurde, sei hier an dieser Stelle nochmal erwähnt. Es gibt wirklich kein Wort, keinen Halbsatz, der keinen Sinn hätte. Die Sprache ist so auf den Punkt, so ausgeklüngelt, dass es für den Leser wirklich faszinierend ist, sich nicht nur oberflächlich, sondern auch tiefergehend mit dem Roman zu beschäftigen.

Eines der ganz großen Bücher seiner Zeit und seines Themas. Und nicht zu Unrecht auf meiner Liste der „100 Bücher, die man gelesen haben muss“.

5 von 5

Titel: Deutschstunde
Autor: Siegfried Lenz
ISBN-13: 978-3455401387
Seitenzahl (gebundene Ausgabe): 462
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2008

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