Fontane, Theodor: Irrungen, Wirrungen

UBfontaneirrungenWie rezensiert man einen Klassiker? Am besten wohl gar nicht, deshalb nenne ich das, was jetzt folgt, mal einen „Erfahrungsbericht“.

Mesalliancen zwischen dem Adel und dem Bürgertum gab es wohl schon immer. Auch Schiller erzählt uns solche Geschichten und in heutigen Liebes- und Erotikromanen werden sie irgendwie auf moderne Art und Weise ebenso weitergeführt. Wenn in Rosamunde Pilchers Büchern die Heldin einen echten Prinzen aus Cornwall heiratet – welches Mädchen gerät dann nicht ins Träumen?

Fontane bedient sich ebenfalls dieses Themas und das auf revolutionäre Art und Weise! Immerhin dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns im prüden Deutschland der 1870er- Jahre befinden, in denen man über „solche Dinge“ lieber schweigt, das Bürgertum die Nase beinahe am Himmel trägt, nämlich dort, wo die Adligen schon sind und man dem „4. Stand“ wenig Beachtung schenkt (und erst recht nicht in der Literatur).

In diesem historischen Rahmen spannt sich vor den Augen der Leser eine Liebesgeschichte auf: die weibliche Hauptrolle heißt Lene Nimptsch, Pflegetochter der alten Frau Nimptsch, einer Wäscherin und Plätterin aus Wilmersdorf. Ihr Angebeteter ist Botho von Rienäcker, von adliger, jedoch nicht wirklich reicher Herkunft.

Die beiden beginnen eine Liebesgeschichte und verleben ein paar glückliche Monate gemeinsam, unter anderem in einem gemeinsamen Urlaub. Dort geschieht allerdings das Malheur, dass Lene für die Gespielin (also eine Prostituierte) Bothos gehalten wird. Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist klar, dass es vorbeigeht mit der Liebe der beiden.

Und wirklich:

ACHTUNG, SPOILER

Botho wird durch familiäre Verstrickungen dazu gebracht, seine Cousine zu heiraten. Auch im Allgemeinen ist er nicht der Typ für revolutionäre Handlungen, der das Gesellschaftssystem verändern möchte und Lene ist realistisch genug, diesen Handlungsverlauf vorauszusehen, also können sich beide einigermaßen gut mit der Situation arrangieren.

Später findet auch Lene noch einen Ehemann, der ihr mit Sicherheit eine gute Zukunft bieten wird.

Interessant und so außerordentlich bemerkenswert an Fontanes Roman- Klassiker ist auf jeden Fall die Reflektiertheit der Personen. Jede Person kennt ihren Stand in der Gesellschaft und kann sich selber, die Gesellschaft und die Umstände messerscharf analysieren.

Dabei hilft zusätzlich auch noch die Figur der Frau Dörr (Lenes Nachbarin), die die anderen Personen sehr gerne in ihren Tratsch- Gesprächen zusätzlich charakterisiert.

Keine der Personen hegt irgendein gesteigertes Interesse daran, die Verhältnisse umzukehren oder sich gegen sie aufzulehnen, alle wissen aber auf ihre Art, dass es an sich lächerlich ist, wie sie handeln und wie gefangen sie in den Konventionen sind.

Und das wirkt am Ende viel mehr, viel größer, als wenn Fontane eine Liebesgeschichte erzählt hätte, in der die Hauptpersonen alle Standesdünkel über Bord werfen und entgegen aller Konventionen ihre Liebe ausleben.

So wird deutlich, dass das „Gedankengut“ der Aufklärung das Bürgertum bereits unterwandert hat und die Konventionen sich irgendwann von selber auflösen werden. Und das wird nicht nur am Beispiel von Botho und Lene deutlich, sondern auch an anderen Nebenfiguren, mit denen Botho Kontakt hat.

In der neueren Forschung wird Fontane dabei gar nicht mehr unbedingt als prototypischer Vertreter des poetischen Realismus gesehen, sondern bereits als früher Naturalist und diese Vorreiterrolle wird in „Irrungen, Wirrungen“ auch deutlicher als in „Effi Briest“, in dem es vielmehr um Rollenbilder geht als um das große Ganze und die große Gesellschaftsstruktur an sich.

Fazit: „Irrungen, Wirrungen“ gehört auf jeden Fall zu den Büchern, die jeder, der sich mit Literatur beschäftigt, gelesen haben und das in keinem gut bestückten Bücherregal fehlen sollte. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts spannt sich unter Fontanes pointierter Schreibweise in faszinierender Weise auf und diese Zeit gehört in jedes fundierte Allgemeinwissen.

5 von 5

Titel: Irrungen, Wirrungen
Autor: Theodor Fontane
ISBN-13: 978-3150089712
Seitenzahl (Taschenbuch): 170
Verlag: Reclam
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2010

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