Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe

schalanskyDie ersten 10 Seiten dieses Buches war ich wie vor den Kopf gestoßen. „Das ist doch Verarschung“, schoss mir durch den Kopf.

Die nächsten 10 Seiten dieses Buches dachte ich an Satire.

Ab der 21. Seite wusste ich: diese Hauptperson, diese Inge Lohmark, meint das ernst.

Sehr ernst sogar. Die alternde Biologielehrerin aus dem vorpommerschen Hinterland unterrichtet tagein, tagaus an einer Dorfschule. Nun soll die Schule in vier Jahren geschlossen werden, die 9. Klasse, die sie unterrichtet wird die letzte ihrer Art sein.

Aber über die Zukunft will Inge Lohmark noch nicht nachdenken.

Stattdessen werden drei Tage ihres Lebens geschildert. (Einer im September, kurz nach Schuljahresbeginn, einer im November, einer im März).

Ihr Leben vor der Schulklasse, vor der sie ihre knallharten Prinzipien durchsetzt. Gefühle kennt Inge Lohmark nicht, ganz die Biolehrerin glaubt sie an das Recht des Stärkeren. Auch im Sportunterricht setzt sie auf Konkurrenzverhalten zwischen den Schülern.

Doch dumm oder gänzlich unsympathisch wirkt sie dabei nicht. Eher analysiert sie messerscharf die Eigenheiten ihrer Schüler, spielt damit und ordnet sie in ihr eigenes kleines Biosystem ein.

Für ihre Kollegen hat sie lediglich Verachtung übrig, ebenso für ihren Ehemann, der in der DDR früher Kühe besamt hat und heute Strauße züchtet. Zu sagen haben sie sich nichts mehr.

Mit der Zeit entwickelt Inge Lohmark so etwas wie Gefühle für eine ihrer Schülerinnen. Diese Gefühle (die man in keinster Weise mit etwas wie Liebe gleichsetzen kann) scheinen sie so zu überfordern, dass sie stetig über ihre Tochter nachdenkt, die den Kontakt zu ihr abgebrochen zu haben scheint. Selbst über ihre Heirat wird sie lediglich per E- Mail informiert.

Es stellt sich heraus, dass sie nicht in der Lage war, ihrer Tochter mütterliche Gefühle entgegenzubringen, sie sogar, als sie von der Klasse (die Inge Lohmark unterrichtet hat!) aufs Heftigste gemobbt wurde, im Stich gelassen hat.

Die Geschichte wiederholt sich: auch eines der Mädchen aus ihrer Klasse wird von den anderen Schülern drangsaliert und misshandelt. Inge Lohmark fühlt sich nicht zuständig – das Ende bleibt offen.

Es fällt schwer, sich eine Meinung über dieses Buch zu bilden. Sagt man, man findet es gut, muss man zwangsläufig auch Inge Lohmarks Lebensanschauung gutheißen. Sagt man, man findet das Buch schlecht, wird man dem hervorragenden Stil und Sprachniveau der Autorin nicht gerecht. Die kurzen, klaren Sätze, die unendlichen Vergleiche mit der Biologie, all das ist herausragend für eine so junge Autorin (31 Jahre beim Erscheinungsdatum).

Über den Biologieunterricht und seine Inhalte kommt Inge Lohmark in einer Art Bewusstseinsstrom immer wieder zu den essentiellen Dingen des Lebens, die sie ihrem Leser auf ihre Weise erklärt.

Das ganze Buch wirkt dabei etwas wie eine Antithese – eine Umkehrung der Wirklichkeit in eine Wirklichkeit, wie sie nicht sein sollte. Trotzdem kann man wahrscheinlich unzählige Lehrer mit in diesen Pott schmeißen und der Wahrheitsgehalt und das Identifikationspotential ist erschreckend hoch. Auch ich habe ein paar Mal herzlich gelacht und gedacht: „Hätte ich so niemals gesagt. Aber stimmt schon.“

Judith Schalansky ist auf jeden Fall die Überraschung dieses Monats. Und ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob dieses Buch mein Lieblingsbuch des Monats oder mein Hassbuch des Monats werden soll.

Und so zu polarisieren – das muss man erstmal schaffen. Der Daumen geht ganz klar nach oben!

4 von 5

Titel: Der Hals der Giraffe
Autor: Judith Schalansky
ISBN-13: 978-3518463888
Seiten (Taschenbuch): 222 Seiten
Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungsdatum: 21. Oktober 2012

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